Deutsch für Flüchtlinge ist ein Teil, der bei der Flüchtlingsdebatte, hierzulande in vollem Gange ist oft ausser Acht gelassen wird. Gleichzeitig „Flüchtling“ wurde zum Wort des Jahres 2015 gekürt und „Gutmensch“ zum Unwort – das kommt nicht von ungefähr. Bei alledem geben manche Leute Dinge von sich, die mich wirklich ärgern (weshalb ich auf meinem persönlichen Blog auch schon einen Artikel, zu genau diesem Thema mit dem Titel „Menschlichkeit, ein Fremdwort?“ geschrieben habe). Kurz gesagt bin ich der Meinung, dass jeder Flüchtling, der sich hier integrieren will, auch die Chance dazu haben sollte. Dabei stellt das Lernen der deutschen Sprache den ersten fundamentalen Schritt dar, denn das Beherrschen der vor Ort gesprochenen Sprache ist immer der Schlüssel dazu, sich in einer anderen Kultur zu integrieren. Deutsch für Flüchtlinge ist daher das zentrale Thema dieses Artikels.

Deutsch für Flüchtlinge

Ich selbst bin durch Zufall auf drei Afghanen in meiner Nähe gestoßen, denen ich nun ein wenig Sprachunterricht gebe (mindestens einmal die Woche für 2 Stunden). Da ich selbst einige Sprachen gelernt und auch im Ausland gelebt habe, weiß ich, was das Lernen einer Fremdsprache bedeutet und wie man sich in einer fremden Umgebung fühlen kann. Als Deutschlehrerin habe ich hingegen weniger Erfahrung. Ich habe lediglich während meiner Erasmuszeit in Barcelona sehr erfolgreich mit einem spanischen Tandempartner zusammen gelernt (welchem ich die ein oder andere Deutschlektion vorbereitet habe). In diesem Artikel schreibe ich über die Chancen und Herausforderungen der aktuellen Situation in unserem Land. Zudem werde ich über meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse sowie über meine Unterrichtsgestaltung und die angewendeten Techniken berichten.

 

Deutsch für Flüchtlinge: Ausgangssituation, Chancen & Herausforderungen

Die drei Afghanen, die ich kennen gelernt habe, wohnen zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer Wohnung und sind dort zu zehnt. Als ich sie zusammen mit ein paar anderen freiwilligen Sprachlehrern zum ersten Mal besucht habe, haben wir versucht, uns ein Bild von ihren Sprachkenntnissen zu machen. Dabei hat sich herausgestellt, dass nur drei unter ihnen Englisch sprechen. Und zwei von ihnen gaben an, nicht einmal in ihrer persischen Muttersprache (auch Farsi genannt) alphabetisiert zu sein. Und in ihrer Muttersprache gibt es ja ganz andere Schriftzeichen als in unserem lateinischen Alphabet! Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass diese Situation nicht vergleichbar mit meinem Sprachtandem zwischen zwei Studenten ist.

Letztendlich haben dann andere Freiwillige damit begonnen, den Nicht-Englischsprechenden das deutsche Alphabet wie Erstklässlern beizubringen – ohne gemeinsame Sprachbasis. Diese jungen Männer haben einen weiten Weg vor sich, bis sie die deutsche Sprache sprechen und v.a. schreiben, wenn sie es überhaupt schaffen. Ich mache mir keine Illusionen, dass das jeder Flüchtling schafft. Und das Sprechen der Sprache ist wie gesagt unerlässlich, um sich im Alltag zurechtzufinden und auf dem Arbeitsmarkt potentiell Chancen zu haben. Aber wenn ich mir nach 2 Monaten die Fortschritte von den mir bekannten Afghanen ansehe, dann bin ich generell wirklich begeistert (natürlich ist jede Person als Individuum zu sehen und da gibt es Unterschiede). Sie wollen wirklich lernen, schreiben ihre Lernblöcke voll und nutzen Sprachkurse über’s Smartphone. Ja, die das Smartphone kann in diesen Fällen zum Lernen einer neuen Sprache auch sehr gute Dienste leisten.

Direkt mit der Situation von ein paar Flüchtlingen konfrontiert zu sein hat mich dankbar werden lassen für die Ausbildung, die ich selbst genießen durfte sowie all die Jahre, die ich vorwiegend mit Lernen verbringen konnte.

Deutsch für Flüchtlinge: Wie eine Unterrichtsstunde aussieht

Ich habe mich zunächst darauf konzentriert, den Dreien zu helfen, die Englisch sprechen und durch die Kenntnis unserer Schriftzeichen sehr viel schneller Fortschritte machen können. Eine vergleichsweise einfache Aufgabe, da wir immerhin auf Englisch kommunizieren können. Auch wenn ich während des Deutschunterrichts manchmal insistieren muss:

Regel Nr. 1: jetzt wird NUR Deutsch gesprochen und kein „Denglisch“ (dieses Modewort setzt sich aus Englisch und Deutsch zusammen).

Vor meiner ersten offiziellen Deutschstunde war ich sogar ein klein wenig nervös, da ich sowas ja auch noch nie wirklich gemacht hatte. Der Einstieg gestaltete sich allerdings als absolut problemlos. Ich fragte einfach, ob die drei denn irgendwelche Fragen hätten. Ich habe sofort Übungsaufgaben im Wechsel für alle Schüler korrigieren dürfen. Und ich habe Wörter, die sie sich ins Vokabelheft geschrieben hatten und die Bedeutung nicht kannten, zu erklären versucht. Das bringt mich zur

Regel Nr. 2: Smartphones vom Tisch – diese sind die Ultima Ratio, mehr nicht. Zunächst versuche ich einen Begriff zu umschreiben, zu malen oder zu zeigen. Führt das nicht zum Erfolg, sage ich den Begriff auf Englisch. Und nur wenn wir stecken bleiben und der Begriff wichtig ist, darf im Smartphone nach der persischen Bedeutung gesucht werden (bei den Wörtern „Menschenrechte“ und „Grundgesetz“ sind wir zugegebenermaßen an unsere Grenzen gekommen 😉 ).

deutsch-fur-fluchtlinge-meine-personliche-erfahrung-mosalinguaAls Kind gab es eine Phase, in der ich unbedingt Lehrerin werden wollte. Unmittelbar vor meiner Studienwahl hatte ich diesen Berufsweg aber längst wieder verworfen mit dem Argument: Ich bin kein besonders geduldiger Mensch. Insbesondere wenn ich unterrichten soll und unmotivierten Schülern gegenüberstehe, dann würde ich schnell zu viel bekommen, da ich es nicht einsehen würde, meine Energie für lernunwillige Schüler einzusetzen. Aber nun habe ich die Gelegenheit, die Lehrerin in mir auszuleben, denn das Unterrichten im richtigen Umfeld macht mir einfach riesigen Spaß: Schon während der ersten Unterrichtseinheit wurde ich noch nach 2 Stunden von einem Schüler mehr oder weniger angebettelt: „Eine Übung noch, bitte, Frau Lehrerin“. Da kann man fast nicht nein sagen. Und das Maß an Dankbarkeit, das ich von meinen Sprachschülern durch mein Engagement erfahre, hat das Unterrichten der Deutschen Sprache schon beim ersten Mal zu einer sehr beglückenden und lohnenden Erfahrung für mich gemacht. Zudem habe ich in letzter Zeit einiges über meine eigene Muttersprache erfahren, was ich vorher nicht wusste. Da man seine eigene Muttersprache ja nicht „studiert“, sondern als Kind einfach lernt und daraus ein intuitives Sprachgefühl entsteht, das man in fortgeschrittenem Alter nie mehr so erlernen kann, weiß man in der Regel sehr wenig über seine eigene Muttersprache. Von den verschiedenen Fällen, die im Deutschen sehr kompliziert sein sollen, hatte ich ja schon von vielen Nicht-Muttersprachlern stöhnend gehört. Aber soweit bin ich mit den Afghanen gerade noch gar nicht. Mir wird jetzt erst bewusst, dass allein schon der Bau von kurzen Sätzen nicht gerade einfach im Deutschen ist. Und die Zeiten … puh. Insbesondere die Bildung des Perfekts ist auch eine Sache, bei der man sich intensiv mit der Grammatik der Sprache befassen muss. Neben vielen Regeln gibt es genauso viele Ausnahmen. Und noch eine Sache: durch die vielen aufeinander folgenden Konsonanten in einem Wort wird Lernenden auch nicht gerade leicht gemacht. Zum ersten Mal empfang ich beim Wort „Marktplatz“ soetwas wie Mitleid für Nicht-Muttersprachler! Daher: mein Respekt hat sich für alle Deutschlernenden erhöht -auch wenn ich davor schon immer gedacht habe, ich wüsste ja aus eigener Erfahrung, was es generell heißt, eine fremde Sprache zu erlernen.

Deutsch für Flüchtlinge: Lerntechniken & Lerninhalte

Was die Lerntechniken bei der Vermittlung von Deutsch für Flüchtlinge angeht, lege ich generell viel Wert auf animiertes und interaktives Lernen, da man sich Dinge, die man mit einem Bild oder mit einem lustigen Erlebnis verbindet, erwiesenermaßen besser merken kann.

  • Malen – Da ich nicht gut zeichnen kann, sorgen meine Malversuche generell für Amüsement. Aber das liegende, sitzende und stehende Strichmännchen haben ihren Zweck sicher erfüllt, um die zugehörigen Verben zu verdeutlichen.
  • Zeigen – Sämtliche Gegenstände wie den Tisch oder das Bett kann man gut zeigen, genauso wie „zurück“, indem man einfach rückwärts geht. Ich wundere mich eigentlich immer am Ende einer Unterrichtseinheit, wie viel ich mich in dem kleinen Raum bewegt habe.
  • Umschreiben – Wenn’s ans Umschreiben eines Wortes geht, so habe ich als erstes das Wort (und das Symbol: <=>) „Gegenteil“ erklärt und nun arbeite ich viel, indem ich Gegenteile aufzeige.
  • Alltagssituationen nachspielen – Großen Spaß hat das interaktive Lernen in Form von Dialogen ebenfalls allen Beteiligten gemacht. So habe ich (als Verkäuferin) den jungen Herren (als Kunden in meinem Laden) sämtliche Besitztümer in meinem virtuellen Shop verkauft, vom Kugelschreiber über die Banane zu Schal und Jacke.
  • Spiele SpielenUnd zum Schluss noch der absolute Renner: wenn aber auch wirklich alle von „meinen“ Afghanen die Zahlen perfekt beherrschen, dann darf ich mir dafür auf die Schulter klopfen. Denn wir spielen am Schluss meist noch ein paar Runden Bingo. Da kann und will auch wirklich jeder mitspielen, da man die Zahlen wenn nötig auch anschauen kann. Wahnsinnig gespannt und aufmerksam waren sie alle dabei. Und ich bin begeistert, dass die meisten die Zahlen mittlerweile auch wirklich nur durch’s Hören schon kennen. Wir haben bereits um Stifte, Blöcke, Süßigkeiten, Energydrinks und Tee gespielt. Der nette Nebeneffekt für mich ist, dass ich so langsam auch die persischen Zahlen beherrsche, da der Name einer Zahl auf Persisch auch immer irgendwann fällt. Und wenn ich die Zahl gleich auf Persisch sage, dann freuen sich auch alle und lachen. Eine äußerst unterhaltsame Sache!

Die Auswahl der Lerninhalte, um Deutsch für Flüchtlinge zu lehren, ergibt sich mehr oder weniger von selbst und ist ganz einfach (was ich anfangs nicht geglaubt hätte):

  • In sämtlichen Situationen des täglichen Lebens gebrauchte Wörter zu lernen und anzuwenden (Einkaufen gehen, zur Schule gehen, nach dem Weg fragen, Behördliches, zum Arzt gehen ..) hat Priorität. Dieses Vorgehen deckt sich mit einem Grundlegenden Prinzip der MosaLingua-Apps – die Wörter in den Apps wurden nämlich nach dem Prinzip der Nutzungshäufigkeit ausgewählt, die den Lernenden schnellstmöglich in die Lage bringen sollen, auf Reisen kommunizieren zu können. Im Internet sind nach kurzen Recherchen übrigens sehr viele gute Arbeitsblätter für den Deutschunterricht zu finden (meine Lieblingsseite ist DaZ/DaF). Aber auch von einer pensionierten Deutschlehrerin habe durch Nachfragen sehr gutes Arbeitsmaterial mit Vokabeln genauso wie einfachen Grammatiklektionen erhalten.

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  • Nach Wünschen fragen – Bevor ich wieder gehe, frage ich immer, ob jemand beim nächsten Mal ein bestimmtes Thema durchgehen will. Dann bereite ich die entsprechende Grammatiklektion vor oder suche einen einfachen Zeitungsartikel oder ein Lied auf Deutsch heraus. Bingo mag zwar wahnsinnig amüsant sein, jedoch habe ich auch klar gemacht, dass ich der Meinung bin, dass wenn man eine Sprache korrekt sprechen will, das Studium von Grammatik unerlässlich ist.

Zusammenfassung

Zurück zur Flüchtlingsdebatte im Land. Keine Frage, so vielen Menschen die deutsche Sprache beizubringen, Wohnraum bereitzustellen und sie auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren ist nicht einfach und braucht Zeit. Eine große Herausforderung. Aber es ist schlichtweg keine unmachbare Aufgabe. Zudem kann es eine Investition sein, die sich auch für uns als Deutsche in wirtschaftlicher Hinsicht lohnt: in Anbetracht der demografischen Struktur in Deutschland brauchen wir junge, arbeitswillige Leute. Und zum Abschluss nochmal zurück zur persönlichen Ebene: ich kann basierend auf meiner persönlichen Erfahrung einfach nur andere Deutsche dazu ermutigen, selbst einem Flüchtling beim Lernen der deutschen Sprache behilflich zu sein. Dies ist eine sehr bereichernde, spannende, lustige und für beide Seiten lehrreiche Erfahrung. Mich hat es zudem motiviert, irgendwann Persisch zu lernen. Vielleicht entsteht ja bald soetwas wie ein Sprachtandem.